Departure - arrival

 

Text von Christina Kubisch aus dem Ausstellungskatalog

Ausstellung der Akademie der Künste in der Stadtgalerie, Saarbücken 2004

 

 

Die Arbeit, Caroline Armand hat als Kostümbildnerin gearbeitet, bevor sie ihr Kunststudium begann. Die weit der Bühne, des Theaters, ist ihr vertraut, wurde aber als nicht allein ausreichend für die eigenen künstlerischen Ambitionen befunden. Sie gehört zu einer Generation von Studierenden, von jungen Künstlern, die man heute immer häufigerantrifft: Sie wechseln nicht nahtlos von der Schulbank zu Malerei oder Bildhauerei. sondern experimentieren so lange auf eigenen und oft verschlungenen Wegen, bis aus der Summe der komplexen Erfahrungen eine eigene Sprache gefunden ist.

 

Alte Schnittmuster, heruntergekommene Häuser, stillgelegte Industriestandorte: Die Themen der Arbeiten von Caroline Armand wirken auf den ersten Blick wie eine nostalgische Beschäftigung mit der Vergangenheit. Weit gefehlt. Zeit spielt in den Installationen und Raumkompositionen der Künstlerin zwar eine große Rolle, aberes ist die Jetztzeit. Zeit, um sich zu befragen, wie man mit der eigenen Erinnerung umgeht, woraus sie besteht, welche individuellen Erfahrungen notwendig sind, um sich überhaupt mit dem bereits Vergangenen auseinander setzen zu können.

 

Caroline Armand benutzt dazu oft Licht als skulpturale Material, fragil und intensiv, ephemer und materiell in gleicher Weise. In der Arbeit „Raumzeichnung“ folgt sie den Lichtspuren des Sonneneinfalls in ihrem Atelier, hält die jeweiligen Lichtflecke und ihre Standorte fest, verfolgt sie akribisch wie ein Archivar, notiert Zeiten undEinfallswinkel und Iässt aus all dem eine poetische Raumskulptur entstehen. Linien auf dem Boden, verbunden mit Klebeband zu den Fenstern, durch die das Licht fallt, ergeben einen dreidimensionalen Wahrnehmungsraum. Die Kombination aus präziser Beobachtung und intuitiver Wahrnehmung halte ich für eine der großen Qualitäten von Caroline Armands Arbeiten. Der Betrachter wird eingeladen, die kompletten Prozesse ihrer Erkundungen selbst nachzuvollziehen. Aber auch wenn ihm das nicht gelingt, oder er es gar nicht will, steht immer noch ein künstlerisch gestalteter Raum zur Verfügung, der vielfältige persönliche Assoziationen zulässt. Die Nahe zur Musik, zur notierten Komposition und ihrer Aufführung, ist unübersehbar. Licht wie Klang sind immaterielle Phänomene. zeitlich begrenzt, übersetzt und nachvollziehbar nur in einer anderen Sprache. Seien es nun Notationen oder Zeichnungen - stets spürt man dahinter größere Räume, Erfahrungsräume, an denen man teilhaben kann, wenn man bereit ist, sich auf sie einzulassen.

 

Besonders klar wird das bei den „Lichtzeichnungen“, Zeichnungen aus Lichtstrichen, die in den Raum, auf eine Oberfläche projiziert werden. Die Zeichnungen, abstrakte schwarz-weiße Liniengefüge aus verschachtelten Mauern, Winkeln und Wänden, entstehen aus der Beobachtung der Formensprache der Architektur, werden aberverändert und erweitert zu „inneren Zeichnungen“, die man nicht mehr logisch einordnen und kategorisieren kann. Real und gleichzeitig anders, stellen sie dem Sucher eher Fragen, als dass sie etwas Bekanntes darstellen. Die ehemalige Arbeit mit der Bühne wird fortgesetzt. Räumliche Tiefe und ständig wechselnde Fluchtpunkte führen den Besucher in einen imaginären Raum. Die benutzten Mittelsind einfach, Projektionen ohne großen technischen Aufwand oder komplexe virtuelle Simulationen. Gerade das macht jedoch ihre Faszination aus. Sie wirken real, nahe und doch utopisch.

 

Um sich auf diese Raume einzulassen, braucht man Zeit und Ruhe. Die Arbeiten vermitteln sich den Betrachtern nur in der Bereitschaft, sich in die Sinnlichkeit des künstlerischen Raumes hinein ziehen zu lassen, den eigenen Assoziationen Raum zu gehen und die komplexe, oft immaterielle Struktur als Ausgangspunkt für dieindividuelle Wahrnehmung wirken zu lassen.