Ausdehnung - Verdichtung

 

Eröffnungsrede der Ausstellung "Verquer" Kommunale Galerie Wilmersdorf, Berlin 2012

Text von Karin Lelonek

 

Die Arbeit, die Caroline Armand hier im Raum installiert hat, zeigt zwei in Form und Größe sehr unterschiedliche Körper. Es ist eine Arbeit, auf die man sich zubewegen und für deren Erfahrbarkeit man immer wieder den Betrachterstandpunkt wechseln muss. Wir beginnen unseren "Ausstellungsrundgang" hier an der Tür, dem einzigen Zugang zum Ausstellungsraum. Wir sollten hier einen Moment stehen bleiben und den Raum und dieArbeiten zunächst auf uns wirken lassen.Denn auch der Raum selbst spielt eine entscheidende Rolle. Groß und langgestreckt, nicht besonders hoch, wird er von der dominanten grauen Fußboden-Fläche, den weißenGalerienwänden mit der langen Fensterfront und den beleuchteten Deckenfeldern charakterisiert.

 

In diesen nüchternen, sich im Gleichgewicht befindenden Raum schneidet von links diagonalder sich kräftig und raumgreifend ausbreitende Körper – und setzt dadurch ein Gegengewicht, das den stabilen Raumeindruck etwas ins Wanken bringt (er bekommt "Schlagseite" Richtung Fenster). Der Körper scheint sich vom Fenster aus ins Innere zu schieben – dehnt sich aus und verankert sich im Galerienboden.Oder wächst der Körper eher aus diesem heraus und schiebt sich Richtung Fenster?Dem gegenüber presst sich in die hinterste rechte Ecke des Ausstellungsraumes ein sehr viel kleinerer Körper, verdichtet und kompakt, definiert durch die drei Flächen, die die Eckebegrenzen. In seiner Zackigkeit erinnert er an die Spitze eines Eisberg. Aber duckt er sich tatsächlich in die Ecke oder schiebt er sich aus dem Untergrund heraus? ((Ambivalenz))

 

Perspektive. Dieses Gegensatzpaar, das hier mit unterschiedlichen Formen und Größenverhältnissen spielt, lässt uns auch über Perspektive und deren optische/ mathematische Gesetze nachdenken. Wir wissen, dass Objekte, die in weiter Distanz von unserem Betrachterauge liegen, kleiner wirken. Und je kleiner dieses weiter weg liegende Objekt tatsächlich ist, desto weiter entfernt kommt es uns vor. Übertragen auf die Ausstellungssituation bedeutet das: durch die extremen Größenunterschiede zwischen den beiden Körpern wirken sie für uns (die wir immer noch an der Tür stehen) weiter voneinander entfernt, als es tatsächlich der Fall ist – was auch unsere Wahrnehmung des Raumes beeinflusst. Das kleine Objekt hinten in der Ecke kommt uns nun noch sehr viel weiter weg vor – und der ohnehin schon lang gestreckte Raum scheint sich noch mehr in die Länge zu ziehen. Wir unterliegen einer optischen Täuschung. Es ist eine sehr subtile Auswirkung der Raumintervention durch die Künstlerin. Soweit die Beobachtung, wenn wir den Raum von unserem festen Standpunkt von der Tür aus überblicken.

 

Bewegung im Raum. Betreten wir ihn nun und nähern uns den Körpern, ändert sich mit jedem Schritt nicht nurderen Perspektive, sondern allmählich auch unsere Vorstellung von ihnen – denn die Formen sind auf der "Rückseite" nicht geschlossen – sie öffnen sich dem Betrachter mit dessen Bewegung mehr und mehr, bieten uns immer neue Blickwinkel und Ansichten. Die dünnen Kartonwände sind nun deutlich erkennbar. Unseren Eindruck, es hier mit zwei kompakten, in sich geschlossenen Körpern zu tun zuhaben, müssen wir also revidieren. Sie entpuppen sich als sehr viele leichter und wenigermassig und zeigen sich nun nicht mehr nur als schlichtes Gegensatzpaar. Die Beobachtungsetzt unterschiedliche Assoziationen in Gang. Mit den Objekt-Innenräumen können wir durch diese Öffnungen in Kontakt treten. Das geschieht auf ganz unterschiedliche Weise, ihrem "Wesen" entsprechend, wenn man sowill: Der kleine, "schüchterne" Körper in der Ecke scheint nur zögerlich sein Innerstes preisgebenzu wollen, er lässt uns lediglich durch einen schmalen Spalt Einblick nehmen - und sehr vielmehr als noch ein Stückchen Galerienboden oder Wandleiste bekommen wir nicht zu sehen. Demgegenüber öffnet sich der große Körper sehr viel offenherziger und "selbstbewusster", mit einer großen, dynamischen Geste, zu einer Art Schacht, der eine Verbindung zwischenFenster und Galerienboden herstellt. Mit einer Kartonscheibe scheint er sich auf das Fensterbrett zu stützen, mit der anderen, schmaleren Stütze stabilisiert er seinen Halt auf dem Boden. Der vorher blockhaft wirkende Körper spreizt sich nun fast "elegant" in den Raum ein. [Korektur Karin: Eigentlich doch nicht wirklich, wirkt jetzt eher wie ein Krokodil, das in den Boden beißt…]

 

Der Blick zurück in den Galerienraum ist jetzt ein völlig anderer: Das offene Innenlebenpräsentiert uns die "Rückseite" der Kartonagen – die gefalzten, aneinanderstoßenden Kanten, die Kartonagenaufdrucke – und bringt positive "Unruhe" in unser Blickfeld. Man könnte die Kartonscheiben aber auch als Nachzeichnung von Lichtstrahlen interpretieren, die durch die Fenster schräg ins Innere fallen, und die Kartonscheibe auf dem Boden als Lichtfleck, den die Sonne verursacht. [Gerade diese Vorstellung vom Lichteinfall würde dann auch die Bewegungsrichtung des Objekts entscheiden – von oben nach unten, vom Fenster in den Raum.]

 

Das Thema Licht, Lichteinfall durchs Fenster und was im Raum durch Lichteinfall geschieht, ist auch ein wichtiger Bestandteil von Caroline Armands Arbeiten. Von diesem rückseitigen Standpunkt aus sieht man nun auch zum ersten Mal, dass sich der Körper zum Fenster hin öffnet und vom Straßenraum aus ein Blick in den "Schacht" möglich ist. Ein Dialog zwischen Galerie und Stadt entsteht – ein Dialog, der Caroline Armand sehr wichtig ist und der auch andere Arbeiten der Künstlerin charakterisiert, in denen sie sich mit dem Thema "Fenster als Brücke zwischen Innen und Außen" auseinandersetzt.

 

Material. Caroline Armand arbeitet bei ihren Rauminterventionen häufig mit gebrauchtenVerpackungen / Kartonagen, schlichtem und billigem Material, das durch seineRecyclebarkeit den ephemeren Charakter dieser Arbeiten unterstreicht. Dabei lässt sie sich auf dessen Eigenschaften und "Macken" ein. Meistens sind dieKartonagen bedruckt und weisen Löcher für Griffe oder sonstige Beschädigungen auf. DieKünstlerin lebt mit diesen Gebrauchsspuren und retuschiert nichts, auch nicht diefugenartigen Kanten, die sich durch das notwendige "Anstückeln" ergeben, weil dieKartongröße nicht ausreicht. Das strukturiert dann auch die Oberfläche. [Es sind diese unkaschierten Kanten, die uns auch ein bißchen davon verraten, wie exakt dieVorbereitung sein muss, damit der Entwurf aus der Fläche in den Raum gefaltet werden kann und die einzelnen vorbereiteten Elemente passgenau zusammenstoßen können.]

 

Collagen. Ergänzt werden Caroline Armands Raumarbeiten durch ihre Collagen, die Sie draußen imEingangsbereich sehen. Auch hier verhandelt sie das Thema Räumlichkeit – mit einer Faszination dafür, wie beispielsweise durch das schlichte Umknicken eines Papierstückes plötzlich eine räumliche Illusion in der Fläche erzeugt werden kann. Sie verwendet hierfür sehr dünnes Papier, die Arbeiten sind fast zart und luftig und bleiben in ihrer physischen Ausdehnung sehr flächig.